Was bleibt, sind Schatten

ISBN 978-3-95869-3005
Erscheint am 01. März 2018
Große Liebe, Jules Melony

Das romantische Debüt von Jules Melony!

Skyes Mission ist deutlich: Sie soll den Dealer Nate beschatten, überführen und das Lob vom Chef dafür kassieren. Es hätte so einfach sein können, wenn sie nicht einen entscheidenden Fehler begangen hätte. Statt sich endlich als Polizistin zu beweisen, muss Skye sich von Nate retten lassen und befindet sich nun auf der Flucht vor der Drogenmafia. In seinem Versteck liegen jedoch viele Geheimnisse in der Dunkelheit begraben, die die beiden an ihre Grenzen treiben. Allerdings lernt Skye, dass dort, wo Schatten sind, auch immer etwas Licht ist …

Nach links schauen, nach rechts schauen, sich vergewissern, dass man nicht verfolgt wird. Jedes Mal derselbe eintönige Ablauf. Ein Blick über die Schulter. Jedes Geräusch genauestens wahrnehmen.

In der Ferne brummen Motoren, Stimmengewirr dringt hier und da aus dem Inneren der Gebäude hervor, und eine Dose klappert angetrieben durch den Wind über den Asphalt. Nichts Ungewöhnliches, bloß die typische Melodie dieser Gassen. Dennoch muss er sich diese Details merken.

Diese Routine gehört schon seit langem zu seinem Leben dazu. Beinahe wie atmen, nur dass ein falscher Atemzug ihn ins Gefängnis bringt.

Welch’ Ironie, stellt er seufzend fest.

Schließlich ist er der kleinen, kahlen Zelle näher als jeder andere sonst. Ein kurzes, unkontrolliertes Luftholen kann sein Leben vollkommen ruinieren.

Dieser Auftrag zeigt sich schwieriger als erwartet.

Wie geschaffen dafür …

Hätte er doch bloß nicht auf seinen besten Freund gehört. Jetzt bereut er, dass er zugestimmt hat. Er hätte lieber die einfacheren Sachen erledigt. Solche, bei denen er nicht viel nachdenken muss, weil sie sich von selbst lösen. Hier muss er handeln, planen und viele Eventualitäten in Betracht ziehen. Er muss mögliche Konsequenzen bei jedem Schritt im Hinterkopf behalten und sich Notfallpläne für jede erdenkliche Situation bereitlegen.

Seufzend zieht er sich die Kapuze seiner dünnen, schwarzen Jacke weit über die Stirn und geht die stinkende Gasse entlang. Obwohl der Sommer seine Höchsttemperaturen erreicht, trägt er diese dunklen Shorts und ein viel zu warmes Kurzarmsweatshirt. Viel lieber wäre ihm, er würde jetzt im Freibad liegen und das Wetter in vollen Zügen genießen.

Es hätte so einfach sein können, wenn sie nicht gewesen wäre. Wenn sie nicht ständig auftauchen würde, könnte er in aller Seelenruhe seine Arbeit erledigen. Hätten diese schokoladeneisbraunen Augen ihn nicht so interessiert angeschaut, wäre die Sache längst erledigt und das Gefängnis hätte einen Mitbewohner mehr.

Mindestens einen, und das wäre auf keinen Fall er.

Doch jetzt hat er die Kontrolle über die Sache verloren. Er hasst dieses Gefühl, nicht alles im Griff zu haben.

Beklemmende Schutzlosigkeit – sie nagt an ihm und ruft Unsicherheit hervor. Noch nie ist er so unvorsichtig gewesen. Er schläft kaum noch, weil ihr neugieriges Lächeln immer wieder in seinen Träumen auftaucht, ehe sie kaltblütig ein Ende findet. Nichts hasst er mehr, als dass sein Unterbewusstsein die schrecklichen Seiten seines Jobs mit ihr verbindet. Zu gerne würde er sie vor dem beschützen, in das sie da gerade hineingerät.

Ray.

Er muss dafür sorgen, dass dieser Mistkerl nie wieder einen Fuß auf freien Boden setzt. Weggesperrt für immer.

Wie ein Schatten gleitet er an den dunklen Hauswänden entlang.

In den Ecken der lichtlosen Straßen sammeln sich Berge an Müll, Ratten suchen darin vergeblich nach Nahrung. Der beißende Geruch in der Luft gehört schon lange zu seinem Alltag, aber daran gewöhnt hat er sich immer noch nicht.

Dafür bezahlt man ihm nicht genug.

Heute wird eine der letzten Übergaben sein. Wenn er Glück hat und alles nach Plan verläuft, kann er vielleicht schon übernächste Woche endlich Urlaub machen.

Nur noch ein bisschen Geduld muss er haben, aber er ist diese ewige Warterei leid. Er fühlt sich wie ein Jugendlicher, der nichts Besseres zu tun hat, als Tag für Tag in der Pizzeria zu hocken und auf eine gute Zukunft zu hoffen.

Die ganze Arbeit bleibt im Moment an ihm hängen. Darauf hat er keine Lust mehr. Es muss sich etwas ändern.

Am Ende der Gasse liegt der Treffpunkt mit dem Kunden. Wieder jemand, dessen Leben ein genauso dreckiges Loch ist wie das Seine.

Schritt für Schritt nähert er sich ihm.

In seinem Rücken kribbelt es. Er sieht sich um und schüttelt den Kopf. Da ist niemand. Nur die Schatten der Häuser, sonst nichts.

Du bekommst schon Halluzinationen, denkt er schnaubend.

Zur Sicherheit duckt er sich trotzdem in die nächste größere Türausbuchtung und wartet ab. Erst hört er nichts Ungewöhnliches, aber dann nimmt er das leise Tippeln von Schritten wahr. Seine Sinne stehen auf Alarmbereitschaft, sein ganzer Körper unter Strom.

Deutlich spürt er den leichten Druck, den die Waffe unter dem Bund seiner Hose auslöst.

Die leisten Schritte auf dem Kopfsteinpflaster kommen näher. Er ergreift die zierliche Gestalt, legt ihr eine Hand auf den Mund, um ihren Aufschrei zu verhindern, und zerrt sie in die Schatten der Häuser. Sie wehrt sich panisch.

Entsetzen breitet sich in ihm aus, als er sie wenige Sekunden später erkennt.

»Was zur Hölle machst du hier?«, knurrt er sie an, bevor er sie loslässt. Ihre Augen mustern ihn ängstlich, ihre Atmung ist schnell und unkontrolliert.

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, zischt sie zurück. Er rauft sich die Haare und schaut nervös in die Gasse. Was macht er nun bloß?

»Was treibst du hier?«, will sie wissen und späht um die Ecke der Ausbuchtung. Er zieht sie schnell zurück ins Dunkle.

»Hör zu, wir können das später ausdiskutieren, aber fürs Erste musst du dich nun hier verstecken, verstanden?« Sein Blick lässt sie verängstigt zurückweichen.

»Was?«, flüstert sie heiser. »Wer ist da draußen?«

»Ich muss da jetzt raus. Du bleibst hier und gibst keinen Mucks von dir, bevor ich nicht wieder hier bin.«

»Okay.« Sie hebt hilflos die Hände und er wirft ihr einen scharfen Blick zu. So ganz glaubt er ihr nicht, aber ihm fehlt die Zeit, ihr eine Predigt zu halten. Wenn er jetzt nicht da rausgeht, waren alle bisherigen Erfolge umsonst. Er kann nicht einfach mit ihr im Versteck bleiben, viel zu viel steht auf dem Spiel.

Er atmet tief ein, tritt aus dem Schatten und läuft weiter den Weg entlang. An der nächsten Ecke entdeckt er den Kunden, doch als dieser ihn kommen sieht, blitzt ein Grinsen auf dessen Gesicht auf. Viel zu spät bemerkt er, dass dieser Kerl nicht allein ist.

Ein Hinterhalt.

Rays Jungs treten aus der Dunkelheit ins Licht. Er erkennt ihre dämlich grinsenden Visagen sofort. Sie tragen dunkle, verschlissene Klamotten, Waffen blitzen provokant an ihren Hosen auf, und ihre Haare sind schmierig nach hinten gegelt.

Ohne es zu merken, ist er in eine Falle gelaufen. Und das nur, weil er mit den Gedanken ständig bei ihr ist.

So ein Mist!

Er weiß, dass die Männer nur aus einem Grund hier sind. Sie verlangen die Bezahlung der Schulden. Die Scheine für die letzte Ware, die sowieso nichts getaugt hat. Doch seine Leute können dieses Fenster noch nicht schließen. Sie brauchen dieses eine kleine Schlupfloch zu Ray noch.

»Ray will seine Kohle! Wir haben dir genug Zeit gegeben, mehr als alle anderen je bekommen haben. Du weißt ganz genau, dass seine Geduld irgendwann zu Ende geht!« Ray lässt sich nicht gerne erpressen – denn meistens ist er es, der andere erpresst.

Sie hatten ihm erstaunlich viel Zeit gelassen. Wochen waren vergangen, ohne dass er nur ein Wort von Ray oder seinen Leuten gehört hat.

Er will etwas erwidern, doch plötzlich hört er einen grellen Klingelton. Er schreckt zusammen, genau wie die Idioten um ihn herum.

In den Schatten erkennt er ihre Umrisse sofort und hält entsetzt die Luft an.

Skye.

Diese verdammte Frau ist viel zu neugierig. Sie muss lebensmüde sein. Anders kann er sich ihr Verhalten nicht erklären. Wieso kommt sie aus dem Versteck? Jeder Blindfisch kann sie sehen!

Weiß sie denn nicht, in welcher Gefahr sie gerade schwebt?

Sie werden sie schnappen und ihr etwas antun. Eklige Dinge, die er sich nicht mal in seinen kühnsten Alpträumen vorstellen will. Ihm wird schlecht.

Einer der Typen geht mit vorgehaltener Waffe zu ihr, krallt seine Hand grob in ihren Arm und nimmt ihr das Handy ab. Er zerrt sie mit sich.

Am liebsten würde er selbst jeden einzelnen von Rays Männern zusammenschlagen. Doch der Jagdtrieb der Jungs ist zu groß und dieses Feuer darf er nicht entfachen. Er spürt ihre Blicke auf sich, sie kontrollieren seine Reaktion, seine Verbindung zu ihr.

Gleichgültig, er muss gleichgültig bleiben!

Einer der Typen liest die SMS vor, die sie auffliegen lassen hat. Ihm wird schwarz vor Augen.

Sie ist ein verfluchter Bulle – das hätte ihm auffallen müssen. Das hätte in den Akten stehen müssen. Wieso haben sie bei ihr nicht genauer nachgeforscht? Sie wussten doch, dass ihre Freundin eine von denen ist, und dennoch haben sie Skye bloß als unbeteiligte Dritte gesehen.

Dabei ist es so offensichtlich. Wie konnte er nur so dumm sein? Warum war Julien nicht schneller? Nun steckt sie viel zu tief in der Sache drin. Sie ist genauso verloren wie er.

Wie auf Knopfdruck ertönt plötzlich das erlösende Geräusch.

Sirenen.

Sie fressen sich wie Messerstiche in sein Trommelfell und lassen sein Herz aus dem Takt geraten.

»Verdammt.«

In seiner Hosentasche vibriert sein Handy. Wenn sein Kumpel ihn jetzt warnen möchte, ist er viel zu spät dran.

Sein Kopf fühlt sich benebelt an. Ob er es wagen kann, seine Waffe zu ziehen? Würde er damit ihr Leben riskieren? Wäre er schneller als die Typen?

Unwillkürlich fragt er sich, ob er alles Notwendige bei sich trägt. Genug Geld, sein Handy und die Tabletten. Zu wenig, um lange abzutauchen.

Skye sieht verschreckt aus. Ein paar Mal sucht sie seinen Blick. Scheinbar hofft sie auf seine Hilfe. Immer wieder fixiert sie die Waffe. Sie wartet auf eine Lösung, auf den perfekten Moment. Still ersehnt er sich diesen Augenblick herbei. Eine kleine Lücke, die diese Situation zu ihren Gunsten wenden könnte.

Verunsichert von den Sirenen werden die Typen unruhig. Sie reden schneller, einer fängt an zu schwitzen. Skyes Blick verändert sich, er wird entschlossen und ernst. Was hat sie vor?

Einer der Typen schaut zum Ende der Straße und dann ist er da, der Luftholspalt. Wie aus dem Nichts wehrt sich Skye plötzlich und legt zwei von ihnen kurzzeitig lahm. Sie führt so perfekte Bewegungen aus, dass er ihr für einen Moment begeistert zuschaut. Ihre dünnen Arme, die schlottrigen Beine, sie tritt ordentlich zu. Das könnte ihm Probleme bereiten.

Bevor es zu spät ist, übernimmt er den dritten Kerl und schaltet ihn aus. Dann schnappt er sich ihre Hand und rennt los.

Er muss sie hier rausbringen. Skye hat doch mit alldem nichts zu tun. Sie ist so unschuldig und zart. Er kann nicht zulassen, dass sie zwischen die blutigen Fronten gerät.

Seine Gedanken sind durcheinander. Hinter ihnen sind Rays Handlanger und vor ihnen wartet die Polizei. Eine von ihnen rennt an seiner Seite um ihr längst verlorenes Leben. Er ahnt nicht, dass sein eigenes nun nie wieder das Gleiche sein wird. Mit einem Bein schon über der Klippe zum Abgrund.

Lautes Heulen durchschneidet die Stille der Gassen.

Kommt es ihm nur so vor oder ist die Luft zwischen den Backsteinfassaden noch erdrückender geworden? Er kann die Sirenen keiner Richtung zuordnen. Sie könnten von überall kommen, und wahrscheinlich ist das sogar der Fall. Eine Polizistin ist involviert und in Gefahr, verflucht, natürlich werden sie aus allen Ecken und Löchern gekrochen kommen.

Sein Ziel ist das Auto. Wenn sie es dorthin schaffen, bevor ihre Leute da sind, haben sie eine Chance. Es hängen nicht nur ihre Leben davon ab, sondern viele, sehr viele andere ebenfalls.

Sie erreichen keuchend seinen Wagen und er zieht sie ins Innere. Sie wehrt sich nicht, als er die Türen verriegelt, den Motor startet und vor dem Blaulicht flieht.

Er weiß nicht, wohin. Die Stadt ist nicht sicher. Eigentlich ist das ganze Land jetzt kein sicherer Ort mehr für sie.

Alles, was er weiß, ist, dass er eine Sekunde lang falsch geatmet hat.