Lena in Love

Tanz mit mir

ISBN 978-3-73865-5193
304 Seiten
Große Liebe, Sina Müller

Tanzen – Leben – Lieben: Lena ist bei allem mit Leidenschaft dabei.

Ein letztes Schuljahr trennt sie noch von ihrem großen Traum, an der Motion Dance Academy eine Tanzausbildung zu beginnen. Ein Jahr, in dem die Sechzehnjährige nach ihrer verkorksten Beziehung mit Ben die großen Liebe finden möchte. Sunnyboy Luca hat dabei Traummannqualitäten: charmant, zuvorkommend und zärtlich. Es könnte so einfach sein, wenn da nicht noch Lucas Zwillingsbruder Noah wäre, der Lenas Gefühle gehörig durcheinander bringt.

Leseprobe

LENA

»Du stehst also auf mich?«, fragte er mit einem unverschämt süßen Grinsen. Seine Augen funkelten im Mondlicht grünlich und seine hellbraunen Haare lagen verstrubbelt auf dem blau-weiß gestreiften Stoff der Hängematte. Fast fürchtete ich, dass er mein lautes Herz schlagen hörte, so sehr hämmerte es gegen meine Rippen. Ich schluckte und blinzelte verwirrt.

»Scheint so, als würde ich auf Arschlöcher stehen«, zitierte er mich und beäugte mich interessiert.

»Du steckst dich grad selbst in eine Schublade. Sicher, dass du das möchtest?«, entgegnete ich und bettete meinen Kopf in die Kuhle zwischen Schulter und Schlüsselbein. Perfekt. So ließ es sich aushalten.

Sein Geruch stieg mir in die Nase. Er musste frisch geduscht haben. Dennoch konnte ich unter dem Duft des Duschgels noch eine andere Note erahnen und die gefiel mir ausgesprochen gut. Ich blickte in die Sterne, die über uns in ihrer vollen Pracht funkelten. Insgeheim war ich Ben dankbar, dass er mir mit seinem beschissenen Verhalten diesen friedlichen Moment aufgezwungen hatte. Seltsam. Der Gedanke an ihn und diese Schlampe war schon ganz fern.

»Okay, legst du immer ein paar daher gesagte Worte auf die Goldwaage?«, fragte er herausfordernd. »Erzähl mir was über dich. Was willst du werden, wenn du groß bist?«, fragte er und ich war froh, dass er nicht weiter nach Ben fragte.

»Wenn ich groß bin?« Ich schnaubte gespielt wütend aus. »Ich will … puh, du wirst mich auslachen. Aber ich will Tänzerin werden. Ich bin gut, weißt du?«

»Tänzerin? Okay«, antwortete er. »Was gefällt dir am Tanzen?«

»Alles mag ich daran. Tanzen ist perfekt. Es ist Musik, es ist Bewegung. Es ist der Ausdruck meiner Seele. Meiner Gefühle. Es macht mich glücklich, wenn ich traurig bin. Es holt mich runter, wenn ich nervös bin. Und wenn es mir gut geht und ich tanze, dann ist es, als würde ich die Welt umarmen. Mit dem Tanzen kann ich mehr ausdrücken, als es die meisten Menschen mit Worten können«, beantwortete ich seine Frage. Ich tanzte, seit ich denken konnte. Erst Ballett, später Jazz und Modern. In den letzten Jahren hatte ich mich mit Street-Dance und Improvisation angefreundet. Aber ganz egal, welcher Stil es war: Beim Tanzen war ich frei. Da gab es nur die Musik und mich. Und meine Gefühle.

»Wow! Das hört sich gut an. Hey, wenn das Tanzen dein Traum ist, deine Erfüllung, dann arbeite hart daran und lass dich durch nichts und niemandem davon abhalten. Du hast nur dieses eine Leben. Also: Mach was draus.« Ich blickte ihn an, Sehnsucht spiegelte sich in seinen Augen. Ich schluckte.

»Über so Dinge machst du dir Gedanken?« Ich versuchte, seine Worte zu sortieren. Doch mein Gehirn war dank der Endorphine halb gelähmt. Mist. Ein paar Worte, dieser Blick und schon verlor ich mein Herz. Ich räusperte mich.

»Ich sag doch, ich denke viel. Und manchmal auch zu viel.« Ein zartes Lächeln huschte über sein Gesicht, das selbst im Mondlicht wundervoll sonnengebräunt aussah.

»Und du? Was hast du vor?« Ich witterte meine Chance, endlich etwas mehr über ihn zu erfahren. Etwas, das mir erklärte, warum ich so fasziniert von ihm war. Ich blickte ihn erwartungsvoll an.

»Ich? Ich will glücklich werden«, sagte er frei raus. So, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt und es gäbe auf diese eine Frage nur diese Antwort.

»Hui. Dagegen hört sich mein Plan ja echt total banal an. Dabei dachte ich, ich wäre eine Träumerin.«

»Träume sind zum Leben da.« Seine Stimme war ein einziges, sehnsuchtsvolles Flüstern, das vom Sommerwind davongetragen wurde. Ich drückte meine Nase unauffällig in sein T-Shirt und atmete seinen Duft ein.

»Für was sollte das Leben sonst da sein, wenn nicht, um seine Träume zu verwirklichen? Dem Leben einen Sinn zu geben, das ist die schwierigste Aufgabe, die uns auferlegt wurde.«

»So so, kann es sein, dass du romantisch veranlagt bist, Mr. Coolio? So tief in dir drin, meine ich.« Ich konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Er versuchte so angestrengt cool und abgeklärt zu wirken. Aber so wirklich gelingen wollte es ihm nicht.

»Ich? Nein. Wo denkst du hin?«

Ich spürte, wie ich noch immer zitterte und versuchte, es mit aller Macht zu verhindern. Doch schon legte er seinen Arm unbeholfen um meine Schulter und zog mich an sich. »Darf ich?«, fragte er. Ich antwortete mit einem zufriedenen ›Mhm‹ und kuschelte mich enger an ihn. Langsam, ganz langsam legte sich mein Zittern und zurück blieb diese allumfassende Wärme. Wie gut es sich anfühlte, wieder jemandem nahe zu sein. Unwillkürlich schloss ich die Augen und spürte, wie sich dieses Gefühl in mir ausbreitete. Dieses Gefühl, das schlimmer war als jede Droge. Denn schon jetzt war ich süchtig danach.

 

NOAH

Ich lächelte zufrieden. Ihre seidig weichen Haare kitzelten an meinem Kinn und hüllten mich in eine Wolke aus einem lieblichen Duft. Normalerweise hasste ich den frischen Shampoo-Geruch. Heute nicht. Sie schmiegte ihren perfekten Körper an mich. Ich schluckte und versuchte an etwas anderes zu denken, als an die weichen warmen Rundungen, die sich gegen meine Rippen drängten. Ihre vollen Lippen, die nach einem endlosen Meer schmecken würden.

»Was denkst du?« Sie klang so zart und zerbrechlich. Und doch war es unverkennbar, welche Stärke in ihr schlummerte. Die Art, wie sie ihrem Ex entgegengetreten war, imponierte mir. Sie schien keines
dieser typischen Mäuschen zu sein, die umtüttelt werden wollten. Sie schien stark und unabhängig. Und dennoch raubte mir ihre Zartheit die Besinnung. Wie anders sie war. Anders als Paula. Anders als die anderen Mädchen, mit denen ich bisher zusammen gewesen war.

»Glaubst du … Nicht lachen! … Glaubst du an Vorbe-stimmung?«, fragte ich sie leise. Im ersten Moment erschrak ich selbst, dass meine Stimme so sanft klang. Normalerweise sprach ich so nur mit Paula. Und das auch nur an guten Tagen. Ich räusperte mich.

»Vorbestimmung?«

»Ja, Vorbestimmung. Ich meine, wir beide haben uns den Abend sicher anders vorgestellt. Warum also sind wir zur selben Zeit am selben Ort?« Wieder quälte mich das Warum. Statt es einfach anzunehmen und mich darüber zu freuen, dass ich heute ein Mädchen kennengelernt hatte, das mir gefiel, suchte ich nach einer Erklärung. Warum lernte ich sie ausgerechnet jetzt kennen? Jetzt, da es wohl der mieseste Zeitpunkt überhaupt war? Denn ab morgen hatte Nichts und Niemand Platz in meinem Leben. Nichts, außer dem Ziel bei der EM mein Bestes zu geben.

»Versuchst du gerade besonders elegant zu verpacken, dass du meine Nummer willst?«, neckte sie mich.

»Nein, im Gegenteil«, lachte ich und checkte erst dann, dass ich mir gerade die Chance auf ein Wiedersehen vermasselte. Vollidiot! »Ich dachte eigentlich, dass wir uns so oder so irgendwann wiedersehen, wenn es sein soll«, beeilte ich mich daher zu sagen. Ich wollte sie wiedersehen. Irgendwann. Wenn es ein besserer Zeitpunkt für mich war. Wenn es ein ›Uns‹ geben konnte.

»Ich gebe dir trotzdem meine Nummer. Los, rück dein Smartphone raus.« Ungeduldig streckte sie mir ihre Hand hin und wartete darauf, dass ich ihr mein iPhone gab. Ich zögerte, wusste nicht, ob ich genervt sein sollte oder erfreut, da ich ihr wohl auch gefiel. Schließlich zog ich es umständlich aus meiner Gesäßtasche, entsperrte es und reichte es ihr.

Mit einem Fingertip öffnete sie die Kamera und schmiegte sich – bevor ich es richtig wahrnahm – an mich. Klick. Ein Schnappschuss zur Erinnerung. Der Blitz blendete für einen Moment unangenehm. Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie viel mir dieses Foto bedeutete und wartete geduldig, bis sie ihre Nummer eingetippt hatte.

Wie lange konnte ich wohl noch neben Lena liegen, ihren zarten Körper neben meinem spüren, ihren Atem an meinem Hals? Gierig sog ich die Momente ein und hoffte inständig, dass diese Nacht niemals zu Ende ging. Verstohlen warf ich einen Blick auf meine Uhr. Halb elf. Wie alt sie wohl war? Wann sie nach Hause musste?

Es war lange her, dass ich die Nähe eines Mädchens so ausnahmslos genossen hatte. Gut, Paula und ich waren uns auch manchmal nahe. Aber das war etwas anderes. Wir waren füreinander da. Ohne Gefühle. Ohne Verpflichtung. Wir waren Freunde. Meistens.

Ich blickte in die tiefe Nacht, verlor mich in der Unendlichkeit und versuchte, mich zu erinnern, wie es mit all den anderen Mädchen gewesen war, mit denen ich bisher zusammen war. Es hatte sich anders angefühlt. Flüchtiger. Das hier fühlte sich tiefer an, und auf eine unerklärliche Art ehrlicher. Dabei kannte ich dieses Mädchen hier neben mir gar nicht. Dennoch gefiel sie mir ausgesprochen gut. Ich mochte ihre freche Art.

»Magdalena Viktoria Bischof, entweder du schwingst deinen Hintern auf der Stelle hierher, oder ich gehe jetzt alleine nach Hause. Dann kannst du schauen, wo du heute übernachtest!«, schrie ein Mädchen in die Nacht hinein. Auf der Stelle versteifte sich Lena.

»Ohoh«, seufzte sie und atmete tief ein. »Da ist jemand angepisst.« Wahrscheinlich hatte ihre Freundin schon den kompletten Hof nach ihr abgesucht.

»Und nun?«, fragte ich. »Ich würde dir ja anbieten …«, startete ich.

»Denk nicht mal dran, du hast keine Chance«, unterbrach mich Lena und grinste frech. »Und? Meldest du dich?«

»Eigentlich ruf ich keine Mädchen an, die mir ihre Nummer am ersten Abend in die Hand drücken«, sagte ich wahrheitsgemäß. Eigentlich. Bei Lena würde ich eine Ausnahme machen.

»Eigentlich gebe ich niemandem meine Nummer am ersten Abend. Also, mach was draus.« Sie küsste zwei Finger ihrer Hand und drückte mir den imaginären Kuss zärtlich auf die Wange. Mein Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich und dieses Kribbeln war in jeder Faser präsent. Fuck. Es waren nur zwei Finger, die mein Gesicht berührten. Und dennoch …

Sie ließ ihre Finger länger als nötig auf meiner Wange ruhen und ich sog ein letztes Mal die Wärme ein, die sie ausstrahlte. Ich spürte, wie meine Mundwinkel verräterisch zuckten und preisgaben, wie sehr sie mir gefiel.

»Tschüss Fremder. War schön dich kennenzulernen.« Und schon war sie aus der Hängematte verschwunden und lief, die halbvolle Bierflasche noch immer in der Hand, in ihrem anmutigen Gang davon. Bevor sie auf den kleinen Pfad zwischen den Rosen trat, drehte sie sich noch einmal um und lächelte sanft. Augenblicklich beschleunigte sich mein Herzschlag. Ich starrte sie an, wie sie vom Mond angestrahlt dastand. So zerbrechlich und wunderschön.

»Verrätst du mir deinen Namen?« Sie legte den Kopf schief und durchbohrte mich mit diesem Blick, den ich nicht deuten konnte. Nichts war von dieser tiefen Traurigkeit übrig, die sie ausgestrahlt hatte, als der Kerl sie angesprochen hatte. Ich schluckte.

»Noah«, flüsterte ich mit rauer Stimme. Ich räusperte mich. »Ich heiße Noah.« Ihr Lächeln wurde noch breiter. Dann drehte sie sich um, winkte mir über die Schulter zu und verschwand aus meinem Blickfeld. Ich schaute ihr hinterher und spürte wie mit jedem Schritt die Ruhe und Gelassenheit aus mir strömte, die ich in ihrer Gegenwart gespürt hatte. Ein seltsamer Abend.