Josh und Emma

Soundtrack einer Liebe

ISBN 978-3-94472-9657
338 Seiten
Große Liebe, Sina Müller

Liebe hat zwei Seiten. Sie ist wunderschön – aber sie kann verdammt weh tun.

Das muss auch Emma feststellen, als sie Joshua auf einer Party kennenlernt und sich in ihn verliebt. Denn er ist einer der angesagtesten Nachwuchs-Popstars und das bringt neben den Schmetterlingen im Bauch leider auch seine ganz eigenen Probleme mit sich. Blitzlichtgewitter, kreischende Mädchen, Konzerte und dann sind da noch diese ständigen Termine zu den unpassendsten Zeiten.
Dabei hat Emma eigentlich genug mit sich selbst zu tun. Das Abi steht an und das geplante Studium wird sie unweigerlich in eine andere Stadt führen.
Gelingt es den beiden, trotz aller Hindernisse einen Weg für ihre Liebe zu finden?

Leseprobe

Die nächsten Tage verbrachte ich wie in Trance. Ich konzentrierte mich auf die Schule und das Lernen. Kevin und seine um Verzeihung flehenden Blicke ignorierte ich. Und zumindest tagsüber gelang es mir, Joshua keinen Raum in meinen Gedanken zu geben.

Als ich am Donnerstagmorgen aufwachte, mischte sich Vorfreude auf das Wiedersehen mit Joshua mit der unbestimmten Angst, er könnte es sich anders überlegt haben.

Ich zog meine Lieblingsjeans und den dunkelgrünen Pulli an, von dem Liv immer behauptete, er betone das Grün in meinen Augen. Meine widerspenstigen Haare band ich zu einem Pferdeschwanz zusammen. Mechanisch absolvierte ich mein morgendliches Badritual und verschüttete den Kaffee auf dem Badezimmerschränkchen. Mein Pulli entging nur knapp einer Zahnpastakastrophe und als ich mir die Wimperntusche ins Auge rammte und daher mein mühsam aufgetragenes Make-Up erneuern musste, überlegte ich kurz, ob es nicht besser wäre, mich einfach wieder ins Bett zu legen.

Zum Abschied blieb ich am Türrahmen hängen, der heute aus unerklärlichen Gründen an einem anderen Platz zu sein schien, als sonst. Ich rettete mich die Treppe hinunter und fuhr in einem Affenzahn zur Schule. Einer Massenkarambolage, an der ich auch noch schuld gewesen wäre, entging ich nur knapp.

Mit klopfendem Herzen setze ich mich ins Klassenzimmer – froh, lebend angekommen zu sein. Während der nächsten Stunden versuchte ich, den Lehrern zuzuhören, aber ich verstand nicht, was sie sagten. Ich hörte Worte und konnte ihre Bedeutung nicht erfassen. Irgendwann gab ich auf und kritzelte auf meinem Block herum. Ohne zu denken, formte meine Hand Strich für Strich jenes Gesicht, das ich einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam. Das am Freitagabend ohne zu fragen in mein Leben getreten war und sich seither in mein Hirn eingebrannt hatte.

Liv bemühte sich nach Kräften, ein wenig Normalität in mein Gefühlschaos zu bringen – ohne nennenswerten Erfolg. In der letzten Schulstunde stieg meine Nervosität ins Unerträgliche. Nur ein Blick auf den Stundenplan verriet mir, dass ich im Chemiekurs saß. Nicht gerade ein Fach, für das ich große Begeisterung hegte – auch nicht an guten Tagen.

Als wir aus dem Chemiesaal traten, hielt ich den Blick vom Schulhof fern. Was, wenn er leer war? Was, wenn Joshua nicht da war? Wie könnte ich die Enttäuschung ertragen? Ich wünschte es mir doch so sehr, dass er kam.

Liv war wie immer die Neugier in Person und konnte es nicht erwarten, den mysteriösen Joshua in Augenschein zu nehmen. Sie hüpfte auf und nieder, um einen möglichst großen Bereich des Schulhofs scannen zu können, während ich mit gesenktem Kopf und einem vor Vorfreude breitem Grinsen den schmalen Flur entlang schlich. Plötzlich hielt sie mich am Arm fest und blieb stehen.

„Oh. Mein. Gott. Emma! Du errätst nicht, wer da drüben steht.“ Ich schaute sie prüfend an. Machte sie sich über mich lustig? Wollte sie meine Selbstbeherrschung testen? Ihre Aufregung schien echt zu sein, also nahm ich allen Mut zusammen und schaute dortin, wohin auch Liv unentwegt mit offenem Mund starrte. Und da stand er. Joshua. Als wäre er geradewegs vom Himmel gestiegen, lehnte er lässig an der nackten Waschbetonmauer und schaute auf die Uhr. Meine Knie nahmen die Konsistenz von Pudding an und mein Herz schlug schnell gegen meine Rippen. Er war gekommen. Er war tatsächlich gekommen!

Wie sollte ich ihn begrüßen? Was sollte ich sagen? Wie sah ich überhaupt aus? Unsicher fingerte ich an meinem Pferdeschwanz herum.

„Mann, das ist Josh Meyer. Du weißt schon … der Sänger von Amblish. Was will der denn hier?“ Was? Was sagte Liv da?

„Nein, nein. Das ist der Typ von dem ich dir erzählt habe. Josh …ua.“ Der Groschen, der zu Boden fiel, klirrte höhnisch laut, als wollte er sich über meine Naivität kaputt lachen. Wie blöd konnte man eigentlich sein? Josh-ua … Musiker …. Die Mädels auf der Party …. Dass er kaum von sich erzählt hatte …. Mir wurde schwindelig. Konnte ein einzelner Mensch so doof sein?

„Oh Gott. Bist du dir sicher? Das kann doch nicht sein“, versuchte ich verzweifelt das Offensichtliche unsichtbar zu machen.

„Du bist vielleicht ein Schaf. Du und Josh Meyer. Das glaube ich nicht. Du hast doch nicht mal Ahnung von Musik!“ Liv lachte hysterisch. Mich überkam die nackte Panik. Sie hatte recht. Von Musik verstand ich soviel, wie von Atomphysik. Nämlich weniger als gar nichts. Wie sollte das gehen? Was sollte ich tun? Vielleicht den anderen Ausgang nehmen und ihn stehen lassen?

„Los, wir gehen. Ich muss ihn kennenlernen.“ Sie ließ mir keine Wahl und zog mich hinter sich her. „Weißt du eigentlich, dass er mit seiner Band am Wochenende einen Echo gewonnen hat? Als beste deutsche Newcomer.“ Ich schaute sie verständnislos an.

„Das kann ja was geben“, murmelte sie und kicherte. Ich versuchte, die Gedanken zu ordnen, aber in meinem Gehirn herrschte nur Chaos. Echo. Popstar. Josh Meyer. Oh Gott.

Mit klopfendem Herzen, das meinen Körper wie bei einem mittleren Erdbeben erzittern ließ, trat ich aus der Glastür. Ich suchte Halt an meiner Schultasche, um nicht unterzugehen. Liv patrouillierte mich auf meinem Gang zu dem unbekannten Wesen.

Als Joshua mich erspähte, lächelte er und drückte sich elegant von der tristen grauen Mauer ab. Schon die Art, wie er seine Kleider trug, unterschied ihn von allen anderen auf dem Schulhof. Dabei hatte er, wie die meisten, Jeans, einen Hoodie, Lederjacke und Sneakers an. Aber an ihm sahen die Klamotten wie vom Laufsteg aus. Er kam ein paar Schritte auf uns zu und blieb unvermittelt stehen. Ein nervöses Zucken huschte über sein Gesicht.

„Hey, Emma“, sagt er und schenkte mir ein umwerfendes Lächeln. Ich blieb vor ihm stehen und klammerte mich noch fester an meine Tasche. Gelähmt von meiner Nervosität verharrte ich einen Moment. Als ich zu ihm hoch linste, beugte er sich zu mir. Wollte er mich küssen, oder mir Begrüßungsküsschen geben? Hilfe! Was sollte ich tun?

Ungeschickt legte ich meine freie Hand auf seinen Arm und hauchte ein Küsschen auf seine Wange. Joshua schien auf die Begrüßungsfrage auch keine Antwort gefunden zu haben und schaute mich nervös an. Ich lächelte entschuldigend und spürte, wie meine Wangen zu roten Tomaten anschwollen. Wie wunderschön er war. Joshua – ein Popstar. Mir wurde schlecht.

„Na, ich würde sagen, das übt ihr mal noch“, murmelte Liv halblaut hinter mir. Erschrocken schaute ich Joshua an. Zeitgleich lachten wir los und eine Miniportion von der Spannung, die meinen Körper lähmte, fiel ab. Sehr peinlich. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie sich Joshua durch die Haare fuhr und verlegen zu Boden schaute.

„Äh, das ist Liv. Liv, Joshua.“ Ich zeigte unkontrolliert zwischen den beiden hin und her. Wie konnte ich nur mein Herz vor dem totalen Kollaps retten?

„Hi Josh“, hauchte Liv. Sie schien sich köstlich über die überaus peinliche Situation zu amüsieren. Bei der nächsten Gelegenheit würde ich sie erdrosseln müssen.

„Liv … schön, dich kennenzulernen.“ Joshua ging einen Schritt auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. Sie schmolz förmlich dahin und musste sich beherrschen, ihm nicht gleich um den Hals zu fallen. Joshua stellte sich wieder neben mich und ich nahm seine Hand dicht an meinem Handrücken wahr. Nur Millimeter trennten uns. Ich schluckte schwerfällig. Ich wollte ihn berühren, ihn spüren. Jetzt.

„Glückwunsch zum Echo“, sagte Liv in ihrer gewohnt direkten Art.

„Danke, das ist … äh … nett.“ Joshua wirkte angespannter als am Freitag. Nervös. Durch einen dichten Schleier hörte ich Liv und Joshua weiter miteinander plaudern, aber ich verstand nicht, über was sie sich unterhielten. Meine Gedanken waren gefangen. Nur wenige Millimeter, um mein Herz zum Stillstand zu bringen. Eine kleine Berührung, nur einmal. Ein einziges Mal. Nichts wünschte ich mir mehr.

„Emma?“ Eine sanfte Stimme riss mich aus dem Tagtraum. Die Haut auf meinem Handrücken brannte, als würde jemand ein Feuer darunter entfachen. Ich zuckte einen Millimeter zurück und blickte mühsam hoch.

„Äh, was?“

„Sollen wir los?“ Joshua lächelte mich sanft an.

„Äh, ja, klar.“ Ich versuchte, ihn anzugrinsen, doch erfolglos. Wieder spürte ich dieses Brennen auf meiner Hand als wir langsam losliefen. Ein matter Schmerz, der sich von meiner Fingerspitze über den Handrücken ausbreitete. Unglaublich heiß und doch so sanft, als wäre er kaum da. Ein Prickeln wanderte meinen Zeigefinger entlang. Was, wenn das Joshuas Hand war? Sanft wie eine Feder. Der Flügelschlag eines Schmetterlings. Das konnte doch nicht … Ein Lächeln verirrte sich auf mein Gesicht. Was sollte ich tun? Vor allem nicht bewegen.

„Also, ciao ihr beiden, ich muss da lang.“ Liv zwinkerte neckisch, als sie sich umdrehte und uns über die Schulter zum Abschied winkte. Allein. Ich war mit Joshua allein. Hilfe!

Zögernd schob Joshua seine Hand in meine und verschränkte die Finger mit meinen. Als wäre es selbstverständlich mit mir händchenhaltend auf dem Schulhof zu stehen. In aller Öffentlichkeit.

Unsicher schielte ich zu ihm hoch. Warum konnte nicht alles so unbeschwert, wie am Freitag sein? Richtig, da hatte ich noch nicht gewusst, wer Joshua in Wahrheit war: ein Popstar.

Schweigend liefen wir zum Fahrradkeller. Auf der Treppe angekommen, hüpfte Joshua eine Stufe nach unten und verstellte mir den Weg.

„Mann … Emma … ich wollte es dir sagen, aber …“, sagte Joshua zerknirscht und fuhr sich mit seiner freien Hand in die Haare.

Abwehrend hob ich die Hand. „Oh Mann, ich bin echt zu dämlich. Sorry, es tut mir so leid, aber ich habe es nicht so mit Musik, ich habe dich einfach nicht erkannt. Das ist … schon echt verdammt peinlich.“ Ich blickte zu Boden und spürte, wie mir die Röte in die Wangen schoss.

„Quatsch, dafür musst du dich nicht entschuldigen. Im Gegenteil. Irgendwie fand ich das echt gut. Ist eine nette Abwechslung …“ Wie frech sein Grinsen war. Ich schluckte. „Emma?“ Joshua sah mich unsicher an. Wie groß seine Augen waren. Und wie lang seine Wimpern.

„Ich kann nicht denken“, murmelte ich. Mir war schwindelig und ich würde sicher jeden Moment umkippen. Oder noch schlimmer: aus diesem Traum aufwachen. Das Lächeln, das Joshua auf sein Gesicht zauberte, machte es nicht besser.

„Du bist echt süß“, raunte er. Er nahm meine andere Hand. Träge schloss ich die Augen, als ich seine Lippen auf meiner Stirn spürte. „Lass uns gehen, okay?“ Sein Blick huschte über meine Schulter. Ein fast unmerkliches Zucken seines linken Augenlides ließ mich neugierig umblicken. Die halbe Schule schien versammelt zu sein und glotze uns vom Schulhof her an. Die Abteilung Klatsch und Tratsch würde nun auf Hochtouren laufen. Zerknirscht drehte ich mich zu Joshua um. Er grinste aber nur, legte einen Arm um meine Schultern und schob mich langsam die Treppe hinunter. Ein Schritt nach dem anderen, Stufe für Stufe.