Herz über Board

Mein Sommer über Jonah

ISBN 978-3-95869-1988
380 Seiten
Große Liebe, Reisen, Sina Müller

Kann ein Sommer dein Leben verändern?

Lin hofft genau das, als sie von ihrem Freund betrogen wird und deshalb nach Sardinien flüchtet. Als Animateurin will sie alles vergessen – vor allem Männer. Bis sie Jonah kennenlernt und sich in ihn verliebt. Während ihm sein Ruf als Aufreißer vorauseilt, lernt Lin eine ganz andere Seite an ihm kennen. Hin und hergerissen zwischen ihrer Angst, erneut verletzt zu werden und der Hoffnung auf den Sommer ihres Lebens, stellt sie sich die alles entscheidende Frage: Kann sie ihm tatsächlich vertrauen?

Leseprobe

»Magst du das Meer?« Jonahs sanfte Stimme reißt mich aus meinen Erinnerungen an David und damit an den wahren Grund, warum ich hier bin. Der Grund, den ich bislang vor ihm geheim gehalten habe.

»Mögen? Ich liebe es!«

»Kann ich gut verstehen.« Auch wenn er genügend Abstand hält, ist er mir dennoch nahe. Zu nahe. Ich spüre, wie seine pure Anwesenheit meine Wangen zum Glühen bringt, und starre angestrengt geradeaus. Mit ihm alleine zu sein, ist wunderschön und verwirrt mich. Er scheint so viel sanfter und ruhiger zu sein, wenn die anderen nicht um uns herum sind. Ob es daran liegt, dass er in der Gruppe immer der Chef ist? Ich schaue hinaus aufs Meer und lasse meinen Blick in die unbestimmte Ferne schweifen. Meine Handflächen kribbeln, meine Ohren sind ganz heiß. Welch wundervolles Gefühl.

»Bist du deshalb vor vier Jahren hierhergezogen?« Etwas in mir will mehr über diesen Kerl erfahren. Er ist so widersprüchlich, so anziehend. So …

»Woher …?« Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er seinen Kopf herumreißt und mich mit weit geöffneten Augen anstarrt.

»Lola!«, platzen wir zeitgleich heraus und lachen. Mein Blick flackert zu ihm. Sein Lachen ist wirklich niedlich. Er hat diese unverschämten Grübchen, die sich auf den Wangen abzeichnen. Schon immer habe ich die bei Jungs sehr anziehend gefunden und auch heute starre ich darauf wie auf einen Hauptgewinn.

»Komm, wir laufen ein Stück.« Ohne auf eine Antwort zu warten, läuft er los. Unschlüssig schaue ich mich um, denn ich weiß, dass es für mich gesünder wäre, umzudrehen und zu Lola und den anderen zu gehen. Regel Nummer Drei! Dennoch gebe ich schließlich meinem Wunsch, ein bisschen Zeit mit ihm zu verbringen, nach und folge ihm. Ich habe noch nicht viel vom Strand gesehen und freue mich, dass wir uns weiter vom Campingplatz entfernen.

»Was Lola alles über mich erzählt … Zum Glück weiß sie nicht alles von mir.« Er klingt wieder so schüchtern und einfühlsam wie heute Morgen, als wir alleine waren.

»Dann wärst du aber auch ein verdammt langweiliger Kerl, wenn ein Mädchen nach ein paar Monaten schon all deine Geheimnisse kennen würde.«

»Herrje!« Er fährt sich durch die Haare und wirft mir einen Blick zu, bei dem ein Fotograf während eines Shootings in Verzückung geraten wäre. »Das wäre wirklich schrecklich, wenn du mich in diese Schublade stecken würdest. Langweilig. Pffff.« Er boxt mir gegen den Oberarm und lacht. Ein triumphierendes Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Offensichtlich versucht er, mir zu gefallen.

»Vermisst du Deutschland manchmal?«, lenke ich ab.

»Nein«, antwortet er viel zu schnell und ich spüre die Abweisung in seiner Stimme.

»Irgendetwas wird dir doch fehlen.«

Jonah schaut in die Ferne, meidet meinen Blick und scheint versunken in seinen Erinnerungen zu sein.

»Ahoj-Brause«, sagt er schließlich nach einer halben Ewigkeit. »Ich habe die ganze verdammte Insel abgefahren und nirgends gibt es Ahoj-Brause.«

»Ernsthaft?« Ich versuche mir Jonah vorzustellen, wie er in den Supermärkten der Insel das Süßigkeitenregal durchstöbert. So ganz will mir das nicht gelingen.

»Jap. Und Nutella.«

»Komm schon, Nutella gibt es hier doch auch.« Das gibt es schließlich fast überall. So wie Coca-Cola, Nike oder Adidas.

»Du kannst mich für verrückt halten, aber das Nutella hier ist anders. Es lässt sich anders verstreichen und schmeckt auch ein kleines bisschen anders.«

»Wirklich? Ist mir noch gar nicht aufgefallen.« Ich versuche mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal Nutella im Ausland gegessen habe. Das muss in Spanien gewesen sein. Einer meiner letzten Urlaube mit der ganzen Familie.

»Achte mal drauf.« Schweigen breitet sich aus. Aber es ist nicht die unangenehme Art von Schweigen, bei der ich krampfhaft nach etwas suche, das ich sagen kann, um die Leere zu füllen. Das hier fühlt sich gut an. Vertraut.

»Lass dir doch von deinen Freunden Brause schicken, die machen das sicher gerne«, schlage ich nach einer Weile vor.

»Die meisten von denen sind selbst im Ausland«, weicht er aus.

»Deine Familie?«

Er bleibt stehen und schaut mich lange an. Fast ist es, als könnte ich in diese blauen Augen eintauchen, in seiner Seele ertrinken. Dann senkt er die Lider und macht dicht. Mein Herz pocht laut. Ich konnte sie spüren. Die Einsamkeit. Die Verletzlichkeit. Aber vielleicht wünsche ich mir nur, dass er nicht der oberflächliche Macho ist, der er vorgibt zu sein.

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Warum kommt jemand wie du zu uns auf die Insel?«

»Sagte ich doch: Ich will noch ein bisschen Erfahrung sammeln.« Meine Gedanken gleichen einem umgefallenen Bauklötzchenturm. Weit verstreut liegen all die einzelnen Bauteile und warten darauf, zu einem Ganzen zusammengesetzt zu werden.

»Bullshit.« Herausfordernd schaut er mich an. Er glaubt mir nicht. Da bringen auch all die Ausreden nichts. Ich versuche es trotzdem.

»Das Meer?« Der Kerl verunsichert mich.

»Komm schon, in den Unterlagen steht, dass du das Studium an der Stage School bereits angefangen hattest. Das schmeißt man nicht einfach so hin. Was ist es? Stress mit einem Kerl?« Der Griff in meine Wunde lässt mich wieder etwas klarer sehen. Wie auf Kommando fahre ich meine Schutzschilde hoch, straffe die Schulter und lege das Lächeln auf, das ich so lange für die Bühne geprobt habe. Ich schlüpfe in meine Rolle. Die Rolle der unverletzlichen Lin.

»Ein paar Geheimnisse behalte ich noch für mich. Nicht, dass du mich in die Schublade ›total langweiliges Mädchen‹ steckst, weil du schon nach einem Tag alles von mir weißt.« Es soll taff und selbstbewusst klingen. Ein Blick in Jonahs Gesicht und ich weiß, dass es seine Wirkung nicht verfehlt. Zumindest für den Moment wird er mich in Ruhe lassen.