Black Heart

Das Lachen der Toten

ASIN B078BQ1MDC
E-Book only (Sammelband folgt)
Große Liebe, Urban Fantasy, Kim Leopold

„Um dem König zu helfen, gingen Freya und Mikael ein großes Risiko ein. Doch der Herrscher offenbarte ihnen eine Lösung, die ihnen alles andere als gefiel …“

Azalea bekommt nach den unfassbaren Geschehnissen der letzten Stunden unerwartet Unterstützung aus der Welt der Magie. Ihre neuen Freunde begleiten sie zu dem einzigen Ort, an dem man ihr helfen kann.

Währenddessen trainieren Alex und Louisa, um ihr die Angst vor der Zukunft zu nehmen, aber ihre Albträume lassen nicht nach. Alex könnte ihr helfen, zumal die Anziehung zwischen ihnen immer größer wird. Doch damit würde er gegen eine der obersten Regeln des Rates verstoßen …

Leseprobe

Alexander
Düsseldorf, 2018
Ich schließe die Lese-App auf meinem Handy, weil mir sonst jeden Moment die Augen zufallen. So spannend Harry Potter auch ist, von meiner Müdigkeit kann mich das Buch nicht abhalten. Mein Blick gleitet zu Louisa, die seelenruhig im Bett liegt und vor sich hinschlummert. Ich könnte mich einfach neben sie legen und auch schlafen. So erledigt, wie sie ist, würde es sie vermutlich nicht einmal besonders stören. Aber sie zählt darauf, dass ich aufmerksam bin und sie beschütze, sollte sie Schutz brauchen.
Ihr nützt niemandem etwas, wenn ihr müde seid, gehen mir Tyros’ Worte durch den Kopf. Die Ausbildung scheint schon eine Ewigkeit her zu sein, aber manche Sachen vergisst man nicht so schnell. Vor allem nicht die, die schon einmal Leben verändert haben.
Ich lege mein Handy auf den Tisch und hole mein Tagebuch und einen Stift aus meiner Tasche, um die Geschehnisse des Tages aufzuschreiben. Um festzustellen, dass ich unaufmerksam gewesen bin, brauche ich mein Tagebuch allerdings nicht. Wenn meine Augen nicht ständig auf Louisa kleben würden, hätte ich den Gestaltwandler am Flughafen sicher schneller bemerkt, und es wäre gar nicht erst soweit gekommen. So hätte der Mistkerl mich beinahe erwischt.
Was dann mit Louisa geschehen wäre, will ich mir gar nicht ausmalen.
Bevor ich meine Gedanken dazu niederschreiben kann, klappe ich das Buch wieder zu. Was in meinem Kopf herumschwirrt, sollte besser dort bleiben, sonst entdeckt es noch jemand, der die falschen Schlüsse daraus zieht.
Stattdessen schnappe ich mir mein Handy und tippe eine SMS an meinen Bruder.
Hey Ivan, bist du noch wach?
Es dauert keine zwei Minuten, da kommt seine Antwort zurück.
Was gibt’s?
Ich könnte mal deinen Rat gebrauchen.
Ich kann die Belustigung in seinen Worten lesen. Du? Meinen? Ich bin gespannt.
Ich habe keine Ahnung, wie ich meine Frage formulieren soll, ohne dass er Verdacht schöpft, ich könnte für Louisa mehr Gefühle haben als für eine andere Schülerin. Mein Handy piepst dreimal.
Ich warte …
Und warte …
Und warte …
Sorry! Also, hast du eine Idee, wie man ein Trauma überwindet?
Reden wir hier von dir oder von deiner Hexe?
Von Louisa natürlich … Sie hat so viel durchgemacht, dass sie beim kleinsten Geräusch zusammenzuckt. Aber dann gerät ihre Magie außer Kontrolle und sie bringt uns nachher noch alle um. Sie muss nicht nur ihre Magie beherrschen lernen, sie muss vor allem ihre Angst überwinden.
Ein paar Augenblicke später klingelt mein Handy. „Ivan.“
„Hey, Bruder“, begrüßt er mich. „Ich dachte, es geht schneller, wenn wir telefonieren. Ist doch okay, oder?“
„Klar.“ Ich schaue zu Louisa, die immer noch tief und fest schläft. Auf ihrer Stirn hat sich eine konzentrierte Falte gebildet, also behalte ich sie lieber im Auge. Noch mehr Albträume kann sie wirklich nicht gebrauchen.
Ich erzähle Ivan kurz von den Gestaltwandlern an der Schule und dem Überfall am Flughafen, dabei lasse ich jedoch außen vor, wie knapp es wirklich gewesen ist. Einen Moment lang hadere ich mit mir, ob ich ihm von Louisas Zusammenbruch im Bad berichten soll, aber schließlich tue ich es. Es ist ja nichts Verwerfliches dabei, sich um eine durchdrehende Hexe zu kümmern, auch wenn mir die Minuten unter der Dusche immer noch nachhängen.
Es ist, als hätte sich ihr Duft in meiner Nase festgesetzt.
„Hm“, macht er, als ich geendet habe. „Ich glaube, das braucht in erster Linie Zeit. Sie muss sich erst mal an die neuen Grenzen ihrer Welt gewöhnen. Das Beste, was du jetzt tun kannst, ist, mit ihr zu reden und ihr zu zeigen, dass die Magie nichts Schlimmes ist.“
„Also keine Abkürzung, damit sie sich morgen wieder besser fühlt?“
„Leider nicht.“ Ivan lacht leise auf. „Aber du weißt, dass du ihr zumindest die Albträume nehmen könntest.“
Ich atme scharf ein. Was er da vorschlägt, ist alles andere als in Ordnung.
„Sag bloß, du hast noch nicht darüber nachgedacht.“
„Natürlich nicht“, stoße ich entrüstet hervor. „Sie ist eine Schülerin. Diese Verbindung einzugehen, wäre nicht richtig.“
„Und doch würde es ihr helfen.“
„Damit würde ich ihr die Möglichkeit nehmen, mit einem Wächter ihres Alters zusammenzuwachsen“, widerspreche ich. Wie kommt er überhaupt auf eine so absurde Idee? Er ist doch auch ein Lehrer, er muss wissen, wie sehr dieser Gedanke unserem Kodex widerspricht.
„So viel älter bist du nun auch wieder nicht. Außerdem bist du wieder frei.“
Würde er wirklich gegen unseren Kodex handeln, um einer Hexe zu helfen, die er kaum kennt? Ratlos seufze ich.
„Nach der Sache mit Corinne bin ich auch nicht wirklich scharf drauf, mich nochmal zu verbinden“, erinnere ich ihn missmutig.
„Ich mein ja nur. Du kannst ihr helfen. Du musst es nur wollen“, erwidert Ivan, bevor er das Thema wechselt und wir uns kurz darauf voneinander verabschieden. Ich hänge das Handy ans Ladekabel und betrachte Louisa, deren Stirnfalte sich vertieft hat. Eine Faust hat sie um den Stoff der Decke geballt, mit der anderen Hand rauft sie sich die Haare.
Ich wünschte, es gäbe eine einfachere Lösung, ihre Albträume fortzujagen.
*
Das neue Apartment befindet sich in der ersten Etage eines Mehrfamilienhauses in einem Vorort von Düsseldorf, hat zwei Schlafzimmer und einen Wohnbereich, in dem Moose seine Gerätschaften ausbreitet. Bei der Menge an Technik, die er aus seiner Tasche holt, frage ich mich, ob er überhaupt Wechselkleidung oder Waffen dabeihat. Louisa bringt ihren Koffer in eins der Schlafzimmer, während Tyros die Formalitäten mit dem Vermieter klärt.
Ich widme mich in der Zwischenzeit der Wohnung und laufe die Räume ab, um mir die neue Umgebung vertraut zu machen. Zwar glaube ich nicht, dass die Gestaltwandler uns hier finden – vor allem jetzt, da Louisa ihr Amulett trägt – aber man kann nie sicher genug sein. Ich öffne ein Fenster und schaue hinunter, um die Höhe abzuschätzen. Einen kontrollierten Sprung aus dem Fenster würde auch Louisa ohne Probleme überleben. Höhenangst wird sie bei ihrer großen Liebe zum Fliegen wohl kaum haben.
Ich schließe das Fenster wieder und gehe ins erste Schlafzimmer. Die Jalousie ist runtergezogen, aber da das Zimmer gleich neben dem Wohnraum liegt, liegt das Fenster zur gleichen Seite hinaus. Also gehe ich einfach weiter zu Louisas Zimmer und klopfe an die Tür.
„Ja?“ Sie klingt etwas atemlos.
Irritiert betrete ich den Raum und sehe, wieso. Sie kämpft damit, die tonnenschwere, uralte Kommode zu verschieben. Mit aller Kraft lehnt sie sich dagegen, bis das Möbelstück ein paar Zentimeter vorrückt.
„Was machst du da?“, frage ich und unterdrücke ein Lachen. „Bist du nicht zufrieden mit der Innenausstattung?“
Sie hält inne, seufzt und wischt sich die Haare aus dem Gesicht. „Das ist es nicht.“
„Was ist es dann?“ Ich schließe die Tür hinter mir, damit Moose und Tyros nichts mitbekommen. „Brauchst du Hilfe?“
„Kannst du nicht einfach wieder rübergehen?“, presst sie elend hervor. In ihren Augen schimmert eine Verzweiflung, die meine gute Laune vertreibt. Ich denke an das Gespräch mit meinem Bruder, daran, wie reden ihr helfen könnte. „Oder mir einen verdammten Zauberspruch verraten, mit dem die Kommode leichter wird?“
„Was hast du denn damit vor?“
Sie seufzt noch einmal auf. „Ich will sie vor die Balkontür schieben“, erwidert sie schließlich schnippisch. „Damit da niemand reinkommen kann.“
Ich fühle mich wie ein Idiot, weil ich darauf nicht selber gekommen bin und gehe zur Balkontür, um das Schloss zu überprüfen. Die Tür ist abgeschlossen und nicht so leicht aufzubrechen, wie sie vielleicht denkt. Die Dreifachverglasung macht es einem Gestaltwandler auch nicht gerade leicht, das Glas zu durchbrechen. Sie beobachtet mich mit verschränkten Armen.
„Ich kann dich ja verstehen, aber wenn du die Kommode vor die Tür stellst, versperrst du dir einen Fluchtweg“, erkläre ich ihr. „Die Tür ist von innen abgesperrt. So leicht kommt da niemand rein.“
Louisa verzieht das Gesicht. „Und wenn doch?“
„Dann hast du drei Wächter in der Wohnung, die auf dich achtgeben“, erwidere ich fest. „Und abgesehen davon kann ich dir gerne ein paar Dinge beibringen, damit du dich selbst verteidigen kannst.“
„Das hilft mir auch nicht, wenn sie mich im Schlaf überraschen.“ Sie lässt sich erschöpft aufs Bett sinken. „Nicht, dass ich besonders gut schlafen könnte.“
Ich lehne mich gegen die Kommode und mustere sie besorgt. Die Worte meines Bruders gehen mir nicht aus dem Kopf. Aber es wäre nicht richtig, und die Zeit außerhalb der Akademie können wir auch ohne einen Regelverstoß überbrücken. Sie wird schon bald ihren eigenen Wächter haben, der sie vor Albträumen bewahren kann.
„Wenn du möchtest, kannst du auch im anderen Schlafzimmer schlafen. Das hat nur ein Fenster, keinen Balkon“, schlage ich vor, auch wenn ich es eigentlich gut finde, dass sie zwei Fluchtmöglichkeiten hat. Aber wenn sie deshalb nicht schlafen kann, hilft ihr das auch nicht weiter.
Dankbar nickt sie und steht auf, um ihren Koffer ins andere Zimmer zu zerren. Ich gehe auf sie zu und strecke eine Hand aus, um ihr die Arbeit abzunehmen. „Komm, ich nehme den für dich.“
„Es geht schon“, erwidert sie leise. Ich lasse die Hand wieder sinken und bin überrascht, dass sich auf ihren Lippen ein Lächeln bildet. „Emanzipation und so, du weißt schon.“
Ich schmunzle. Sie ist so erfrischend anders als die anderen Frauen im Palast. Das ist einerseits schön, andererseits aber auch gefährlich.
Sie wird alles durcheinanderbringen.