Black Heart

Der Palast der Träume

ASIN B078L63QX9
E-Book only (Sammelband folgt)
Große Liebe, Urban Fantasy, Kim Leopold

„Mikael und Freya mussten feststellen, dass ihnen der Weg des Königs besser gefiel, als sie erwartet hatten – bis er sie vor eine schier unlösbare Aufgabe stellte.“

Im Palast der Träume beginnt der erste Schultag, und während sich die Schüler in den neuen Alltag einfinden, begreift Louisa zum ersten Mal, was es eigentlich mit ihrem magischen Leben auf sich hat. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass ein Verstoß gegen die Regeln ihr so sehr zu schaffen machen würde.

Leseprobe

Österreich, 2018
Jascha
„Raus aus den Federn!“ Ich ziele und werfe mein Kissen auf das Bett auf der gegenüberliegenden Seite. Aslan grummelt, fängt es auf und lässt es zu Boden fallen. „Du bist die größte Schlafmütze, die ich kenne.“
„Und du die größte Nervensäge.“ Er rollt sich auf den Rücken und reibt sich die Augen, bevor er mich anblinzelt.
Ich grinse ihn motiviert an. „Erster Schultag! Da musst selbst du gute Laune haben.“
Er setzt sich seufzend auf, während ich aus dem Bett steige und das Fenster öffne, um etwas von der frischen Alpenluft zu uns in den Raum kommen zu lassen. Die Sonne scheint, und es fühlt sich an, als würden die Tage endlich wieder länger werden.
Meine Gelenke knacken, als ich mich ausgiebig dehne. Anschließend lehne ich mich aus dem Fenster, um in den Innenhof zu schauen. Zwei Wächter drehen eine Runde durch die Kräuterbeete, die dank der Magie den ganzen Innenhof mit ihrem Duft erfüllen. Gegenüber öffnet jemand ein Fenster, das zu einem der Klassenzimmer gehört.
Ich will mich gerade abwenden, da höre ich es: Ein lauter Schrei durchschneidet die Morgenluft und lässt die Wächter aufmerksam werden.
„Was war das?“ Aslan drängt sich neben mich, um aus dem Fenster zu schauen. Wir beobachten, wie die Wächter aus dem Innenhof zum Tor laufen, die Waffen gezückt.
„Keine Ahnung. Irgendwer hat geschrien.“ Ich zucke mit den Schultern und widme meine Aufmerksamkeit dem Hof, der schnell voll von Wächtern ist. Unter uns öffnen ein paar andere Schüler ihre Fenster, weil sie den Schrei ebenfalls gehört haben.
Es dauert nicht lange, da wird die Menge im Hof unruhig. Mit angehaltenem Atem beobachte ich, wie die Wächter eine neue Gruppe Menschen hineinbringen. Drei Mädchen und ein Hund, mehr kann ich von hier oben nicht erkennen. Die Aufregung lichtet sich schnell, und man führt sie ins Gebäude.
„Wer war das?“, frage ich, obwohl mir klar ist, dass auch Aslan meine Frage nicht beantworten kann. Er verzieht ahnungslos das Gesicht.
„Hexen?“, schlägt er vor.
Ich lache auf. „Was sonst? Sonst hätten die Wächter sie bestimmt nicht reingeholt. Autsch!“ Ich springe zur Seite und reibe die Stelle, an der Aslans Ellbogen gelandet ist.
Er grinst teuflisch. „Vielleicht erfahren wir beim Frühstück mehr.“
Mit einem zustimmenden Grummeln mache ich das Fenster zu und gehe in das kleine Badezimmer, um mich anzuziehen. Als ich wieder zurückkomme, hat sich auch mein Kumpel umgezogen und lehnt wartend am Kleiderschrank. Wir verlassen unser Zimmer und suchen uns unseren Weg zur Speisehalle.
Ich könnte schwören, dass wir jeden Tag einen anderen Weg nehmen. Dabei sieht hier nicht mal alles gleich aus. Der Palast der Träume ist sogar alles andere als monoton mit seinen lichtdurchfluteten Gängen und den gemütlichen Zimmern. Wohin man auch blickt findet man Bilder und gemusterte Tapeten, Kamine, Möbelstücke, die schon uralt sein könnten oder auch ganz neu. Die Fensterbänke sind dekoriert mit Blumen und Kräutern, die das ganze Jahr über blühen, weil man sie mit Magie am Leben erhält.
Auf unserem Weg ins Erdgeschoss durchqueren wir das große Kaminzimmer, in dem wir einen unserer ersten Abende verbracht haben. Schwere Bücherregale, in denen von Reiseführern bis hin zu Grimoires alles vertreten ist, samtige Sofas mit durchgesessenen Polstern, Lampenschirme aus Glas und schwere Vorhänge – und über allem hängt der süße Duft nach Magie.
„Hörst du das?“ Aslan bleibt stehen und legt den Kopf schief. Ich halte inne und lausche ebenfalls. Kurz darauf vernehme ich laute Stimmen. „Das kommt aus der Eingangshalle, oder?“
Stirnrunzelnd folge ich ihm den Gang hinunter und siehe da, wir stehen in der Eingangshalle. Wie auch immer er das schon wieder geschafft hat. Ich könnte schwören, dass er ein integriertes Navi hat. Anders kann ich mir kaum erklären, wie er wieder und wieder den richtigen Weg findet.
Dieses Mal kommen wir allerdings nicht von der großen, steinernen Treppe herunter, sondern aus einem Gang, der daneben endet. Aslan drückt sich in den Schatten der Treppe und zieht eine Braue hoch. Leise seufzend schiebe ich mich neben ihn und lausche den Stimmen.
„Wir sollten das nicht hier besprechen.“ Der ruhige Klang kommt mir bekannt vor. Diese Stimme habe ich hier schon einmal gehört. Sie muss zu einem der Wächter gehören, die uns vor ein paar Tagen eine kurze Einführung in den Palast gegeben haben.
„Sie hat sich bloß erschreckt“, erklärt eine Frau in schnellem Französisch. „Bitte, wir sind gekommen, weil wir Hilfe brauchen.“
Aslan wirft mir einen vielsagenden Blick zu.
„Und der Hund?“ Der Wächter hat in ihre Sprache gewechselt. Es hört sich nicht so an, als würde er ihr abkaufen, dass es sich beim Hund wirklich um einen Hund handelt.
„Lumière. Er gehört mir“, antwortet die Frau.
„Wie alt ist er?“, fragt der Wächter argwöhnisch.
„Das weiß ich nicht genau.“ Sie seufzt. „Ich hab ihn aufgenommen, da war er schon so groß. Das war vor etwa anderthalb Jahren. Ich bin Schaustellerin und reise viel. Wir waren gerade in Nantes, da lief er mir über den Weg und ist von da an nicht mehr von meiner Seite gewichen.“
Mein Schulfranzösisch ist nicht das beste, aber es reicht, um ihrer Geschichte zu lauschen.
„Ich hab ihn Lumière getauft, weil ich Die Schöne und das Biest liebe. Er ist kein Gestaltwandler“, beteuert sie. „Ich teile mir ja sogar meinen Joghurt mit ihm.“
Ich unterdrücke ein Lachen und frage mich, welche der drei Frauen gerade spricht.
„Wie habt ihr uns gefunden?“, fragt der Wächter, der offenbar das Sagen hat. Vielleicht ist er auch der Einzige, der Französisch spricht. Unterrichtet wird meistens auf Deutsch, aber wir haben schon Niederländer, Franzosen, Italiener und Schweizer kennengelernt. Es gibt mehrere europäische Sprachen, die hier zum Alltag gehören, aber bis wir diese alle beherrschen, wird sich in einem Kauderwelsch aus allen Sprachen miteinander unterhalten.
„Wir haben die richtigen Leute gefragt“, erwidert sie. „Hören Sie, Zoe und ich, wir sind vom Cirque de la Sorcellerie. Den Namen haben Sie doch sicher schon gehört, oder? Bei uns sind ein paar Wächter, die vorher hier gewesen sind.“
„Zum Beispiel?“, fragt er, und sie rasselt ein paar Namen runter. „Check das“, weist er jemand anderen auf Deutsch an. Schritte nähern sich, und wir drücken uns dichter an die Wand, um nicht entdeckt zu werden. Ich frage mich, was passiert, wenn man gleich am ersten Schultag beim Lauschen erwischt wird.